Mit der Centovalli-Bahn von Locarno nach Domodossola: ÖV-Tour durch den Süden

Mit der Centovalli-Bahn nach Domodossola: der Süden, den man im Vorbeifahren übersieht

Wer ins Tessin reist, fährt fast immer durch den Gotthard und steigt in Lugano oder Locarno aus. Was die wenigsten wissen: In Locarno beginnt eine der schönsten Bahnstrecken der Alpen, und sie führt nicht tiefer ins Tessin, sondern hinaus, über die Grenze, nach Italien. Die Centovalli-Bahn ist eine schmale, weiss-blaue Schmalspurbahn, die sich in knapp zwei Stunden durch ein Tal arbeitet, das so abgelegen wirkt, dass man kaum glaubt, noch in der erreichbaren Schweiz zu sein. Und das Beste: Man braucht kein Spezialticket. Die Strecke ist vollständig im GA und mit Halbtax befahrbar.

Hundert Täler, ein Zug

Der Name verspricht viel und hält es trotzdem. Centovalli, die hundert Täler, ist eine Landschaft aus Schluchten, Felsspalten und Seitentälern, durch die sich der Wildbach Melezza zieht. Die Bahn überwindet das auf eine Art, die man gesehen haben muss: 83 Brücken und über 30 Tunnel auf gerade einmal 52 Kilometern. Immer wieder öffnet sich der Blick über einen Viadukt in die Tiefe, dann schluckt ein Tunnel das Bild, und kurz darauf liegt ein anderes Tal vor dem Fenster. Wer fotografieren will, muss schnell sein. Die Vegetation ist dicht, und die guten Blicke sind kurz.

Auf Schweizer Seite hält der Zug an jeder kleinen Station. Verdasio, Intragna, Camedo. Wer mag, steigt einfach aus und geht ein Stück. Genau dafür ist diese Bahn gemacht.

Intragna und die Dörfer, die man nicht kennt

Intragna ist der Hauptort des Tals und ein guter Grund, die Fahrt zu unterbrechen. Enge Gassen, alte Steinhäuser, der höchste Glockenturm des Kantons. Von hier führen historische Saumpfade in die Seitentäler, etwa hinüber ins Bergdorf Loco. Wer keine grosse Wanderung sucht, bleibt im Dorf, trinkt einen Kaffee und schaut den Berghängen zu. Es gibt nichts zu erledigen hier, und das ist der Punkt.

Nach der Grenze bei Camedo wechselt das Tal den Namen. Aus dem Centovalli wird das Valle Vigezzo, das italienische Tal der Maler, das Generationen von Künstlern angezogen hat. Der höchste Punkt der Strecke liegt bei Santa Maria Maggiore auf gut 800 Metern, danach fällt die Bahn steil ab Richtung Domodossola.

Domodossola, der unterschätzte Wendepunkt

Domodossola ist kein Ort, an dem man nur umsteigt. Die Altstadt mit ihren Arkaden und dem lebhaften Samstagsmarkt lohnt einen Aufenthalt, bevor man die Rückreise antritt. Von hier bringt einen der Zug durch den Simplon zurück nach Brig und ins Wallis. Wer also Lust auf eine grosse Runde hat, fährt von Locarno über das Centovalli nach Domodossola, weiter durchs Wallis und über die Gotthardstrecke zurück. Ein ganzer Tag, vier Landschaften, kein einziges Mal ein Lenkrad in der Hand.

Wann man fahren sollte

Die Bahn fährt das ganze Jahr, aber sie hat eine klare beste Zeit. Im Frühling rauschen die Wasserfälle, im Sommer leuchtet alles grün und mediterran. Am eindrücklichsten aber ist der Herbst. Zwischen Ende September und Anfang November färben sich die Kastanienwälder, und das ganze Tal glüht. Wer einmal an einem klaren Oktobertag durch das Centovalli gefahren ist, versteht, warum manche Leute diese Fahrt jedes Jahr wiederholen.

Ein praktischer Hinweis: Auf der Strecke verkehren normale Regionalzüge und eigene Panoramazüge. Für die Panoramazüge fällt ein kleiner Zuschlag an, eine Sitzplatzreservierung ist möglich, aber nicht zwingend. Aktuelle Fahrpläne und Tarife prüft man am besten direkt auf sbb.ch oder bei der Vigezzina-Centovalli-Bahn.

Was man mitnehmen sollte

Eine Kamera, aber ohne den Anspruch, alles festzuhalten. Festes Schuhwerk, falls man an einer Station spontan aussteigt. Und ausreichend Zeit, denn diese Strecke bestraft die Eile. Wer nur durchfährt, hat eine schöne Bahnfahrt gemacht. Wer aussteigt, hat eine Region kennengelernt. Genau wie beim Rheintal oder im Thurgau gilt: Die schönsten Orte liegen selten am Hauptbahnhof.